Was mir sterbende Menschen über Lebenszeit beigebracht haben
Was ältere Menschen am Ende bereuen.
Von Katharina Beer, Entscheidungsarchitektin ·
Vor vielen Jahren habe ich übergangsweise im Krankenhaus gearbeitet, mit sterbenden und schwer kranken Menschen.
Das GrundproblemDort wurde mir bewusst, wie schnell ein Leben zu Ende sein kann und wie wenig Lebenszeit geschätzt wird.
Seitdem ist meine Haltung klar:
Die KernaussageLebenszeit ist das höchste Gut, das ein Mensch hat.
Was die älteren Menschen bereuten
Die älteren Menschen dort bereuten durchweg dasselbe. Sie bereuten, dies oder jenes nicht getan zu haben. Im Grunde hatten sie die Entscheidung nie getroffen, obwohl sie das, worum es ging, unbedingt wollten. Irgendwann war es für diese Entscheidung zu spät.
Kaum jemand haderte mit einer Entscheidung, die er getroffen hatte. Schwer wog, was offen geblieben war. Seitdem weiß ich, dass das Aufschieben einer Entscheidung ebenfalls ein Preis ist und dass ihn ein Mensch mit seiner Lebenszeit bezahlt.
Warum Lebenszeit so leichtfertig eingesetzt wird
Im Augenblick geht das große Ganze verloren. Menschen zoomen nicht heraus und erkennen nicht, was auf lange Sicht zählt. Dinge, die heute riesig erscheinen, sind später kleiner oder schneller vergessen als gedacht.
Stoppen, innehalten, entschleunigen
Immer wieder wird gesagt, es müsse schneller gehen und mehr geschafft werden. Ich halte das Gegenteil für richtig. Zu tragfähigen Entscheidungen führt das Innehalten: erst schauen, was überhaupt ist, was davon wirklich zählt und was sich verändern muss.
Was Angst mit Entscheidungen macht
Prognosen sind schnell gemacht, und Menschen hängen sich an den Hiobsbotschaften auf. Sie lassen sich von Angst steuern oder entscheiden gar nicht mehr. Dabei ist keine Entscheidung auch eine Entscheidung, und Angst führt nie zur richtigen.
Wer sich nicht verunsichern lässt, hält die Richtung. Eine Erfahrung aus dieser Zeit trage ich seitdem mit mir: Es gibt immer eine Ausnahme.